Unsere Selbstachtung ist unser Problem. Normalerweise hängt sie von unserem eigenen fehlbaren Urteil ab oder von dem unserer Mitmenschen. Da jedoch an diesem dünnen Faden eines Verstandesurteils Erfolg und Erfüllung im Leben, Freuden und Schmerzen und unsere Aussichten auf Persönlichkeitsentfaltung hängen, sollten wir diesen Punkt einer genauen Untersuchung unterziehen. Gründliche Selbsterforschung und einiges Umdenken wird notwendig sein. Denn hier liegt der kritische Punkt.
In einer Zeit, in der der Überlebenskampf so verzweifelt, die Armut so erschreckend, der Wettbewerb so unbarmherzig und die Gefühle so abgestumpft sind wie in unseren heutigen Zivilisationen, ist der Schlüssel zum materiellen Überleben der psychologische Überlebenskampf. Psychologisches Überleben hängt von unserer Selbstachtung ab. Somit hat unser Selbstbild eine Schlüsselfunktion für unsere Erfüllung im Leben.
Wenn wir entdecken, wie kritisch unser Selbstbild ist, dann ist es umso erstaunlicher, daß es tatsächlich eine Projektion unserer kreativen Vorstellungskraft ist. Erfüllung und Leistung, Erfolg und Mißerfolg im Leben hängt an einem Akt der Imagination! Die Frage wird also lauten: Was können wir tun, um unser Selbstbild zu verbessern?
Dies ist das Zentralproblem der Psychologie. Es ist unerläßlich, unsere spirituelle Dimension einzubeziehen und anzuerkennen. Sie zu vernachlässigen oder zu unterschätzen wäre ein grober Verstoß gegen die ganzheitliche Sichtweise.
Unser Selbstbild ist das Produkt etlicher unzusammenhängender Faktoren. Es verfestigt sich leicht zu einer jämmerlichen "Gestalt", die dann nur äußerst schwer zu verändern ist. Dieser heimtückische Verschlechterungs- und Verfestigungsprozeß kann zwanghaften Charakter annehmen und letztlich sogar zur Persönlichkeitszerstörung führen.
Die Lösung liegt darin, die Hauptbestandteile der besonderen Mixtur herauszufinden, die unsere Persönlichkeit darstellt. Dies ist nicht leicht, denn das Spektrum ist enorm. Anschließend müssen wir lernen, uns mit diesen Bestandteilen zu identifizieren, das heißt, wir müssen uns davon überzeugen, daß sie tatsächlich latent in uns vorhanden sind und daß sie entfaltet, verstärkt, genährt und geschützt werden können.
Eine oberflächliche Untersuchung unserer Veranlagungen wird zunächst zutage fördern, was wir von Eltern, Vorfahren und aus der evolutionären Vorgeschichte geerbt haben und wie uns Kultur, Erziehung, Schule und soziales Umfeld geprägt haben.
Schwieriger zu sondieren sind die transpersonalen Elemente unserer Persönlichkeit. Sie von der Erbschaft unserer Vorfahren zu trennen, ist auf normalem Wege unmöglich. Um sie herauszusondieren, muß man Methoden anwenden, mit denen man sein Bewußtsein in seine transzendente Dimension hinein verlagert. Genau darum geht es bei der Meditation.
Wenn man sich diesem Prozeß unterzieht, wird man mehr und mehr erkennen, daß man tatsächlich Erbgut des gesamten physischen Universums einschließlich der Sterne, der Galaxien, der kosmischen Strahlen in sich trägt. Aber wir erben auch von anderen Dimensionen des Universums: von seinem Denken, seiner Emotion, Programmierung und Motivation, seinen Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen, Enttäuschungen und seiner Magie.
Das Universum ist ein Wesen, ausgestattet mit einem Körper, einem Verstand, mit Gefühlen, Bewußtsein und Willen. Wenn man Gott als dieses Wesen interpretiert, dann wird man verstehen, was Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan gemeint hat, als er sagte, daß wir die göttliche Erbschaft in uns tragen. Dies schließt auch die physische Vererbung von Eltern zu Kindern mit ein, und es schließt ein, daß unsere Körper aus dem Material dieses Planeten zusammengesetzt sind, aus dem Stoff des Universums einschließlich der Sonne und der Galaxie, und daß sie letztlich aus dem Urknall hervorgegangen sind. Aber das Universum ist nicht nur eine physische Realität. Wir werden erkennen, daß wir von der Persönlichkeit, dem Bewußtsein und dem Willen jenes Wesens geerbt haben, dessen Körper die Sonne ist. Es ist die Wesenheit, die die Sufis "Prinz Huraksh" nennen und die von Suhrawardhi einem Erzengel zugeordnet wurde. Und wenn wir noch tiefer eindringen, werden wir unsere Erbschaft von jenem Wesen entdecken, dessen physischer Körper die Galaxie ist, die Milchstraße, und die die Sufis als einen hohen Erzengel betrachten, der wiederum die Psyche von Prinz Huraksh und vielen anderen Wesen umschließt - auch die Ihre und die meine. Das mag verwirrend klingen. Aber es geht noch weiter. Denn wir müssen auch die Schwärme der anderen Galaxien einschließen und letztlich die Gesamtheit des Wesens, dessen Körper das physische Universum ist. So ergibt der Begriff "göttliche Erbschaft" einen Sinn.
Wie kann man all dies selbst erfahren? Theorie allein genügt nicht. Ein Schlüssel liegt vielleicht im Unbewußten. Während der Oberflächenspeicher unseres Gedächtnisses mit den uns bewußt zugänglichen Informationen nur Daten enthält, die seit unserer Geburt (beziehungsweise seit dem Alter von rund einem Jahr) eingegeben wurden, enthalten die unergründlichen Tiefen des Unbewußten Daten von solch unvorstellbarem Ausmaß, daß Psychotherapeuten, die sich mit der Erforschung des Unbewußten befassen, immer wieder überwältigt und schockiert sind.