54b : Der Ritter und der Heilige

"Es gibt Gezeiten in den menschlichen Angelegenheiten. Wenn man sie berücksichtigt, bringen sie Glück; mißachtet man sie, wird die Lebensreise in Hindernissen und Elend stattfinden." William Shakespeare

Ein Sturm wütet auf dem Saturn. Der Planet Erde krümmt sich in den Schmerzen seiner Neugeburt. Gedanken, Emotionen, Ängste verwirren die Gemüter. Aus dem Echo, das von den Millionen in den Straßen zu uns klingt, erhebt sich die Stimme der Verzweiflung des menschlichen Herzens. Der Gedanke an Blut und Tränen, an unbeschreibliche Qualen in den Körpern Tausender, vielleicht Millionen von Menschen, das Martyrium gebrochener Herzen und zerbrochener Leben starrt uns ins Gesicht. Jeder ist mehr oder weniger betroffen. Die Katastrophenvorhersagen von Nostradamus und Fatima tauchen drohend in unserem Bewußtsein auf. Stehen wir am Rand der großen Katastrophe? Das schlimmste aber ist ein Gefühl von Resignation gegenüber von Kräften, die außer Kontrolle geraten, wenn ein Punkt erreicht ist, an dem Umkehr nicht mehr möglich ist.

Aber ist es wirklich so?

Seit urdenklichen Zeiten haben Menschen ebenso wie Tiere danach getrachtet, ihre Territorien auszuweiten, indem sie fremde Gebiete annektierten - und umgekehrt, die erreichten Grenzen ihrer Territorien gegen Angreifer zu verteidigen -, getrieben von primitiven Instinkten von Gier und Habsucht, dabei Gewalt, Ungerechtigkeit, Lüge, Leid, Tortur und Zerstörung in Kauf nehmend. In diesem Spiel ist der Rücksichtslose und Skrupellose gegenüber demjenigen, der rechtmäßig und rücksichtsvoll handelt, im Vorteil, und der Schlaue findet immer gute Gründe, die seine wahren Motive verschleiern. Zwangsläufig folgt der Unwissende dem Willensstärkeren. Es gibt ein Sufi-Sprichwort, das sich nicht nur auf die Kreuzigung von Jesus und Al Hallaj anwenden läßt, sondern auf alle Opfer jener Monstrosität, wie sie manchmal in der menschlichen Natur auftaucht: "Wenn ein Ignorant in einer Position ist, die ihn ermächtigt, ein Urteil zu fällen, dann gibt es einen Märtyrer am Galgen.

Die Bewohner des indischen Dschungels unterscheiden bei den Tieren des Waldes zwei Verhaltensweisen. Im allgemeinen greifen wilde Tiere nicht an, es sei denn, sie wurden angegriffen, sind verwundet oder werden herausgefordert. Sie sind stark darauf bedacht, ihr Territorium zu schützen, und dulden einen Eindringling nur dann in ihrem Gebiet, wenn er seine Ankunft respektvoll ankündigt und sich wie ein Gast benimmt. In bestimmten Situationen wenden Tiere einen Trick an, um Feinde abzuwehren: die sogenannte Drohgebärde. Aber dann kann es passieren, daß sie Opfer ihres eigenen Spiels werden und andere mit hineinziehen; das Ganze kann schließlich eskalieren und außer Kontrolle geraten. In anderen Fällen kooperieren Tiere um ihres gemeinsamen Besitzes willen, wie beispielsweise Elefanten es tun. Jedenfalls aber muß man wissen, daß wenn man ein Tier herausfordert, es entweder bösartig und ungehorsam wird oder aber seine Seele verliert. Der stolze Geist wird es eher vorziehen, zu sterben, als seine Seele aufzugeben. o ist Herausforderung nicht immer die beste Art, mit Tieren umzugehen - auch nicht mit Menschen.

Der Planet, allen voran die Menschheit, entwickelt sich weiter, und die primitive Ordnung wird schrittweise ersetzt durch eine neue Ordnung. Diese neue Ordnung wird von einem Prinzip regiert, das man eigentlich auf den Heiligen Nikolaus von Flüe zurückführen müßte, jenen Schweizer Eremiten, der einst gebeten wurde, zwischen den beiden kriegführenden Parteien der Schweiz zu vermitteln, und der sie dazu brachte, einen Bund zu gründen. Nur wenige Menschen wissen, daß es die Kraft der Vision dieses Heiligen - die Vision einer Alternative zum Konflikt - war, die die Gründung des Staatenbundes der USA, der Vereinten Nationen, und nun der Europäischen Gemeinschaft inspiriert hat. Viele Länder hinken noch hinterher.

Wenn sie einem Kind ein hochexplosives Spielzeug geben, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn es Schaden anrichtet. Sie müssen die Verantwortung für das Risiko tragen. Sie müssen wissen, daß es das Spielzeug wahrscheinlich im einem Streit gegen seine kleinen Gegner einsetzen wird. Wenn Sie ihm Süßigkeiten geben, wird es vermutlich versuchen, die Freundschaft seiner Gegner zu gewinnen, indem es diesen etwas von jenen Süßigkeiten schenkt.

Wenn all die Turbulenz und Angst und Qual, die dieser Krieg verursacht, dazu gut sein soll, uns eine Lektion zu erteilen (zu welchem Preis!); eine Lektion, die vor allem in der Erkenntnis besteht, daß wir derartige Situationen in Zukunft verhindern, auch und besonders in unseren persönlichen Beziehungen, indem wir die Prinzipien der neuen Ordnung anstelle der alten anwenden - dann wenigstens hätte all dies einen Zweck erfüllt.

Wir leben in dem Grenzbereich zwischen jener alten, primitiven Ordnung und der neuen. Die neue Ordnung verlangt, daß man sich an einen Tisch setzt, gemeinsam alle Aspekte eines Streitfalles diskutiert und dabei auch die Wurzeln des Grolls rücksichtsvoll ans Tageslicht bringt. Dies nennt man Konfliktlösung. Sie ist ein wunderbares Instrument in unserer Zivilisation geworden und wird sehr effektiv in der Psychologie angewandt. Wenn man allerdings denjenigen, von dem man annimmt, er habe schlechte Absichten, beschimpft, dann geht man das Risiko ein, daß er aufsteht und fortgeht; dann sind die Würfel für Krieg gefallen. Oder vielleicht versucht man auch stattdessen, den Fehler durch eine Art Taubstummendialog wiedergutzumachen. Natürlich entwickelt man starke Gefühle wegen der Leiden und Scheußlichkeiten, die dieser Mensch verursacht hat, oder wegen seines Betrugsmanövers, das man aufgedeckt hat. Natürlich möchte man ihm am liebsten seine Meinung offen ins Gesicht sagen, anstatt sich hinter der freundlichen Tünch der Diplomatie zu verstecken.

Macht es Sinn, die Methode der alten Ordnung anzuwenden - das heißt Gewalt anzuwenden - um die neue Ordnung durchzusetzen? Hier stoßen wir auf das große Dilemma, über das Bernhard Shaw schrieb: "Wagst du es, dem Krieg mit Krieg zu Leibe zu rücken?" Es ist genau das Dilemma, indem sich in unserem Innern der Ritter und der Heilige gegenüberstehen. Ist es besser, ein bösartiges Wachstum gleich zu Beginn einzudämmen? Wird es sich umso mehr vermehren? Und in welchem Fall trifft was zu? Sollte man bei seinem Behandeln des Falls an die Möglichkeit denken, Nachsicht zu üben?

Es ist offensichtlich, daß es hinter dem uns sichtbaren Sachverhalt einen anderen, unerkannten gibt, daß wir über die wirkliche Reichweite von Schicksalen mit unserem gewöhnlichen Verstand nichts erfassen. Gibt es etwa eine Hypothek, die die Vielen für die Exzesse der Wenigen bezahlen müssen? Oder die die Wenigen für die Gier der Vielen bezahlen? Oder für die Korruption, die als Virus unsere modernen Gesellschaften heimlich befallen hat, so wie die Dekadenz die gewaltigen Fortschritte unserer Zivilisation beschmutzt? Oder ist es nicht so, daß unser Heroismus just dann geweckt wird, wenn er beleidigt wird, und uns aufruft, als Ritter aufzustehen, um die Werte hochzuhalten, die die Würde unseres menschlichen Status, unseres göttlichen Status ausmachen, ohne die unser Leben nichts weiter wäre als ein vergängliches Wetteifern um selbstsüchtige Vergnügungen? Leider trifft man hier auf das schreckliche Paradox, daß dadurch, daß man die Unterdrückten und Schwachen gegen die Starken verteidigt, unschuldige Opfer in Mitleidenschaft gezogen werden.

Wenn nun die Massen in die Kirchen, Synagogen und Moscheen strömen, besteht kein Zweifel über den Wert, den die Menschen dem Gebet als letzte Hilfsquelle beimessen, die uns inspirieren und unser Schicksal doch noch in letzter Minute wenden kann. Aber es ist tragisch, wenn die Frömmigkeit die Menschheit in verschiedene Lager spaltet, von denen ein jedes Gott anfleht, seine Sache zu unterstützen und für sein Dogma Partei zu ergreifen! Die Menschen erkennen nur schwer, daß man höchstwahrscheinlich konditioniert ist durch seine Gesellschaft und Ihre religiösen Institutionen - außer wenn man in der Lage ist, Werte objektiv zu beurteilen, was tiefe Einsicht in den Standpunkt des anderen verlangt. Wenn jedoch die Menschheit sich als eine Familie entdeckt, dann wird der Begriff des gemeinsamen Nenners in der Religion die Oberhand gewinnen. Tatsächlich entsteht gemeinsam mit der neuen Ordnung auch eine Religion der "Einheit in der Vielfalt". Sehen Sie nur, wie die Botschaft der Einheit sich heute inmitten des Durcheinanders religiöser Differenzen ausbreitet.

Es gibt einen Spruch (Hadith) von Prophet Mohammed, der besagt, daß "jeder seinen ganz besonderen Glauben hat". Und (Gott sagt): "Am Tag des Gerichts werde ich den Gläubigen verschiedener Religionen in einer Form erscheinen, die ihnen nicht vertraut ist, und sie werden mich zurückweisen und bei Gott Zuflucht nehmen (bei dem Gott ihrer Vorstellung); dann werde ich ihnen in der Form erscheinen, die ihnen vertraut ist, und sie werden mich akzeptieren".

Nachtrag vom 17. Januar:

Der "Wüstensturm" hat begonnen Die schreckliche Zerstörungsmaschinerie richtet schwere Verwüstungen im gegnerischen Todesarsenal an. Trotz sorgfältiger Bemühungen, die moderne Technik zu benutzen, um militärische Ziele zu bombardieren, fordert der Krieg seinen unvermeidlichen Tribut von den Unschuldigen, von Müttern, Kindern, Kranken, Gutgläubigen. Unser Herz blutet bei dem Gedanken an die Qualen derjenigen, die zermalmt werden, derjenigen, die einen furchtbaren Tod sterben bei dieser Demonstration menschlichen Wahnsinns! Das Gebet ist die letzte Hilfe. Es hat eine gewaltige Kraft, wenn wir uns auf "kaza" einstimmen, auf diejenige Macht, die den Bruch der göttlichen Harmonie neutralisiert.