111 : Das Denken von einschränkenden Konzepten befreien

Die Überlieferung der Vergangenheit stets im Sinn, bemühe ich mich, im Geist unserer Zeit zu denken und zu schreiben. Es ist ähnlich wie mit der Coventry Cathedral in England: Anstatt die alte Kathedrale, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, durch eine neue zu ersetzen, hat man daneben eine moderne Kathedrale gebaut, wobei die alte im Blickfeld bleibt und in gewisser Weise sogar in der neuen präsent ist, durch die Fenster nämlich.

So sind für uns, sozusagen durch die Fenster unserer Seele, die Sufis präsent, während wir unseren Beschäftigungen nachgehen. Besonders Pir-o-Murshid Inayat Khan, aber auch Buddha, Christus, Pythagoras, auch Mohammed, sind immer gegenwärtig, und zwar in heutiger Perspektive. Wie würden sie heute reden?

Pir-o-Murshid sagt, im Zuge unserer Reifwerdung entwickeln wir uns nach und nach von Abhängigkeit zu Selbstgenügsamkeit. Unter Unabhängigkeit versteht man Selbstgenügsamkeit: Was wir von unserem eigenen Selbst bekommen können, müssen wir nicht außen suchen. Das ist das hauptsächliche Motiv der Menschen, die nach Selbstverwirklichung streben, denn auf diesem Wege lassen sich die Leiden, Ärgernisse und Nöte des Lebens überwinden. Im Leben der Adepten beobachtet man ein ständiges Streben, sich so weitgehend wie möglich von äußeren Dingen unabhängig zu machen.

Nach der Entwöhnung von der Abhängigkeit von Mutter oder Vater entwickeln wir eine Fülle von Süchten, an die wir unser Leben auf höchst unsichere Weise hängen wie an feine Fäden - die von trügerischer Haltbarkeit sind. Die Schattenseite des Komforts und der Macht, die wir durch die moderne Technik gewinnen, ist die Abhängigkeit, in die sie uns stürzt. Das gilt nicht nur für die Umstände für unsere Pläne, die sich als nichtig erweisen können -, sondern auch für Menschen; all diese können uns enttäuschen. In unserer Verzweiflung kann das sogar Gott einschließen, insofern wir ihn nämlich als "jemand anderen" betrachten und ihm die Verantwortung für unser Schicksal zuschreiben.

Mit dem, was wir als außerhalb unserer selbst liegend betrachten, bereichern wir unsere Psyche, ebenso wie unseren Körper und merken kaum, daß wir dabei unsere eigenen Potentiale entfalten, dadurch nämlich, daß sie in Affinität oder Resonanz treten mit anderen Ichs.

Unser übliches Denken basiert auf einer egozentrischen Vorstellung von uns selbst, die der ptolemäischen Vorstellung vom Planeten Erde als Zentrum des Kosmos ähnelt. Unser Selbstbild entspricht nicht der Realität, es wird eingegrenzt durch unsere altmodischen Konzepte der "Andersheit" Gottes. Im Gegensatz dazu bietet das derzeit auftauchende Denken für die Spiritualität des neuen Jahrtausends ein multidimensionales, polares, vielschichtiges Netz, in dem wir unser Denken orientieren und in dem wir uns finden können. Das sind nun nicht nur Perspektiven, aus denen das Universum (ein neuer Name für Gott) sich selbst kennenlernen kann, sondern im holistischen Paradigma ist es so, daß wir, als Teile des Ganzen, das Ganze zugleich - als virtuelle Realität - in uns tragen. Wir sind ein Kreis, dessen Zentrum überall und dessen Peripherie nirgendwo ist. Man entdeckt das, wenn man eine Verbindung herstellt zwischen der persönlichen Perspektive und dem entgegengesetzten Pol: der Perspektive, die traditionell die göttliche genannt wird. Vielleicht müssen wir sogar mehrere Pole einbeziehen: den kosmischen, den inneren und den transzendenten, der jenseits unseres Verstehens liegt.

Unser unzulängliches Selbstbild bringt negatives Denken hervor, das uns behindert und sich als schädlich erweist. Würden wir uns als potentiell ausdehnungsgleich mit dem Universum - traditionell Gott genannt -entdecken, so würden wir lernen, auf die Fülle der Möglichkeiten zu vertrauen, die in uns auf ihre Erweckung warten. Diese Art des Denkens und Wissens bietet uns ein unvergleichlich reicheres Sinnverständnis, als wenn wir auf einen Pol begrenzt bleiben und Gott als einen "Anderen" ansehen; sie kann allerdings nur überzeugend wirken, wenn sie in Handeln umgesetzt wird.

Die Auswirkungen einer solch umfassenden Sichtweise auf unser Denken sind umwälzend. Anstatt, wie Descartes, zu sagen, "ich denke, also bin ich", müßte man nun sagen: "Indem ich denke, werde ich gedacht; schaffend, werde ich inspiriert; jubelnd, werde ich überwältigt; indem ich werde, wird das Universum zu mir." Diese Art zu denken ist nicht neu, sie wurde schon in älterer Sprache formuliert; Luther prägte den Begriff der "significatio passiva", und Ibn 'Arabi drückte es so aus:

"Indem ich Ihn kontempliere, kontempliert Er mich. Er beschreibt sich mir durch mich. Er entdeckt sich in eben der Form (meiner Form), in der Er sich mir enthüllt."

Und Pir-o-Murshid:

"Der Zweck des Lebens erfüllt sich dadurch, daß Gott in unserer Unvollkommenheit Seine Vollkommenheit entdeckt."

Ein solchermaßen von der Einschränkung durch das, was Pir-o-Murshid das "falsche Selbst" nennt (unser unzulängliches Selbstbild) befreites Denken würde uns auch unseres Grolls entheben, denn das, was verletzt wird, wenn jemand uns kränkt, ist ja unser Selbstbild und nicht der Kern unseres Wesens; dieser ist makellos und kann niemals beschmutzt werden, noch können wir der Fülle beraubt werden, die wir vom Universum erben, es sei denn, wir versäumen es, sie anzuerkennen. Der Gott in uns - und als wir - kann nicht verunglimpft werden. Unser Trost liegt also darin, unser falsches Konzept von uns als einer abgetrennten Wesenheit abzuschwächen und stattdessen die Unbegrenztheit unseres wahren Wesens zu erkennen.

"Die Seele ist ein Zustand Gottes; ein Zustand, der das eine und einzige Wesen für eine Zeitlang begrenzt macht. Wie erlangt man das höhere Bewußtsein? Indem man die Augen vor seinem begrenzten Selbst verschließt und sein Herz dem Gott öffnet, der ganz Vollkommenheit ist, im Innern und Äußeren, sichtbar, hörbar, wahrnehmbar, und doch jenseits menschlichen Verständnisses. Die Verzückung findet der Geist darin, daß er auf die Erde gekommen ist und hier seine spirituelle Existenz realisiert hat."

Pir-o-Murshid Inayat Khan

Übrigens: uns selbst zu verunglimpfen - manchmal brüsten wir uns damit -, kann unseren Körper schädigen, während positives Denken Heilwunder wirken kann.