123b: Arten des Denkens:
Begrenztheit / Kosmische Reichweite
Zwang / Freiheit
Vorbestimmung / Kreativität

(Curriculum des Sufi-Ordens - Lektion 2)

(Alle Texte in Kursivschrift sind, falls nicht anders vermerkt, Äußerungen von Pir-o-Murshid Inayat Khan.)

Wir sind so groß wie unser Geist, wir sind so weit wie unser Geist, wir sind so niedrig wie unser Geist, wir sind so klein wie unser Geist.

Die Welt des einen Menschen ist so klein wie eine Linse und die eines anderen so groß wie die ganze Welt.

Wir nehmen so viel vom Horizont ein, wie innerhalb unseres Bewußtseins ist, oder so viel, wie wir uns dessen bewußt sind.

Die Sicht wird weit, so weit wie das göttliche Auge.

Mystik bedeutet, sich von der Begrenztheit zur Vollkommenheit zu entwickeln.

Die Seele, die sich nur ihrer Begrenztheit bewußt ist, ihrer Besitztümer, mit denen sie sich identifiziert, vergißt ihr eigenes Wesen und wird zum Gefangenen ihrer Begrenztheit.

Wenn überhaupt jemand, dann weiß der Mystiker, was Begrenztheit bedeutet, denn seine Freude und sein Glück liegen in der Vollkommenheit.

Pir kommentiert:

Das Hindernis, das uns dabei im Wege steht, Erfüllung im Leben zu finden, besteht natürlich in der Unzulänglichkeit unseres Selbstbildes. Aber wie gehen wir damit um? Vielleicht versucht man unbeholfen, sein Ego zu vernichten. Das Problem ist, daß man die persönliche Dimension seines Selbst nicht durch die persönliche Dimension seines Willens auslöschen kann. Die Antwort ist natürlich Gottesbewußtsein - das heißt, den Reichtum des Universums zu entdecken, der in unserem eigenen Wesen schlummert und sich danach sehnt, zu erwachen.

ÜBUNG

Prüfen Sie zuerst einmal Ihr Selbstbild. Das ist weniger einfach, als man zunächst annehmen könnte, denn man identifiziert sich damit. Hier erweisen sich die buddhistischen Satipatthana-Techniken als hilfreich.

Solange uns unsere kleine Persönlichkeit vor Augen steht, solange wir sie nicht loswerden können, solange uns unsere Persönlichkeit und alles, was damit verbunden ist, interessiert, werden wir immer Begrenzung finden. Das falsche Selbst ist die größte Begrenzung.

Pir-o-Murshid bezeichnet unser Selbstbild als das falsche Ich.

Das falsche Ich ist das, was man sich fälschlicherweise als sein wahres Wesen vorstellt.

Nicht seine (des Menschen) wahre Natur ist begrenzt - begrenzt ist das, wofür er sich hält.

Das falsche Selbst ist die größte Begrenzung.

Das Ich hat also zwei Seiten: die eine ist die, die wir kennen, und die andere müssen wir entdecken. Die Seite, die wir kennen, ist das falsche Ich, das uns "ich" sagen läßt. Was ist es in uns, das wir "ich" nennen? Wir sagen: "Dies ist mein Körper, mein Verstand, dies sind meine Gedanken, meine Gefühle, meine Eindrücke, dies ist meine Stellung im Leben." Wir identifizieren unser Selbst mit allem, was uns betrifft, und die Summe davon nennen wir "ich". Im Licht der Wahrheit ist dieses Konzept falsch, es ist eine falsche Identität ... Es ist der unvollkommene Teil des vollkommenen Ich. Das wahre Selbst kann sich zur Vollkommenheit erheben, das falsche Selbst endet in Begrenztheit.

Es gibt ein wahres Ich im Menschen; dieses Ich ist göttlich. Es ist nicht so, daß das falsche Ich unser Ich und das wahre Ich das Ich Gottes ist, sondern das wahre Ich, welches das Ich Gottes ist, ist zu einem falschen Ich geworden, begrenzt als unser Ego.

Aber dieses göttliche Ich ist von dem falschen Ich bedeckt.

Das Ich selbst wird niemals zerstört; dieses eine ist das, was lebt. In der Kenntnis des Ich liegt das Geheimnis der Unsterblichkeit.

Wenn man erkennen würde, daß die spirituelle Entwicklung vom Erwachen des falschen Ich zum wahren Ich, seiner eigentlichen Grundlage, abhängt - wie leicht würde der Weg zur spirituellen Vollkommenheit werden!

Wie gehen wir vor?

Der Mensch muß sich selbst analysieren und sehen: Wo steht das " ich "? Steht es als ein fernes, abgesondertes Wesen?

ÜBUNG

Beobachten Sie Ihr Selbstbild. Sie können es nur beobachten, indem Sie sich davon entidentifizieren. Nur dann kann man den vielfältigen Reichtum seines wahren Wesens erforschen (zuerst allerdings nur vage), der hinter den Persönlichkeitsmerkmalen verborgen ist. Auch hier liegt der Schlüssel wieder darin, das gewöhnliche Denken als nicht umfassend genug und daher unvollständig einzuschätzen.

Können Sie Ihr falsches Ich erkunden? Der Schlüssel liegt darin, zu prüfen, ob Sie sich mit dem identifizieren, was vergänglich (Ihr Körper) oder flüchtig (Ihre Gedanken) ist.

Dann identifizieren wir unsere Seele mit dem, was sterblich ist. Das ist das falsche Ich.

Stellen Sie sich vor, daß Ihr wahres Wesen von vielen Schleiern bedeckt ist.

Selbstlos zu werden bedeutet, das Selbst zu erkennen, indem man es von seinen zahllosen Hüllen befreit, die das falsche Ich ausmachen.

Einer dieser Schleier ist unser Rollenspiel.

Es ist die Situation, in der wir uns befinden, die uns glauben läßt, wir seien dies oder das. Was immer die Seele erfährt, das glaubt sie zu sein. Wenn die Seele das äußereSelbst als Baby sieht, glaubt sie: Ich bin ein Baby. Wenn sie das äußere Selbst als alt sieht, glaubt sie: Ich bin alt. Wenn sie die äußere Situation in einem Palast sieht, glaubt sie: Ich bin reich. Wenn sie sich in einer Hütte sieht, glaubt sie: Ich bin arm. Aber in Wirklichkeit ist es nur "ich bin". Wenn der Mensch diese Begrenztheit lebt, erkennt er nicht, daß es einen anderen Teil von ihm gibt, der viel höher, wunderbarer, lebendiger und erhabener ist. Das ist sein unbegrenztes Wesen.

Entweder leben wir in unserer Begrenztheit oder wir lassen Gott mit Seinem unbegrenzten Sein dort regieren.

Seine Mißerfolge im Leben, in Verbindung mit seiner Vorstellung der Begrenztheit halten den Menschen in Unwissenheit über die große Macht, die im Denken (mind) verborgen liegt. Das Leben des Menschen ist das Phänomen seines Denkens; sein Glück und Erfolg, sein Kummer und sein Versagen werden größtenteils von seinem Denken verursacht, von dem er so wenig weiß.

Lassen Sie uns nun unser wahres Wesen erforschen:

Wie kann man im Einklang sein mit dem Unendlichen? Man kann das Wesen dieses Einklangs mit dem Unendlichen erkennen, indem man die Seele mit einer Saite an einem Instrument vergleicht. Sie ist an beiden Seiten befestigt: die eine ist die unendliche, die andere die endliche. Wenn ein Mensch sich die ganze Zeit der endlichen Seite bewußt ist, dann ist er oder sie auf das Endliche eingestimmt, während derjenige, der sich des Unendlichen bewußt ist, auf das Unendliche eingestimmt ist. Auf das Endliche eingestimmt zu sein macht uns begrenzt, schwach, hoffnungslos und machtlos. Indem wir dagegen auf das Unendliche eingestimmt sind, erlangen wir die Macht und Kraft, alle widrigen Umstände des Lebens zu überstehen.

Wenn der Mensch tief genug in sich eintauchte, würde er einen Punkt seines Ichs erreichen, wo es ein unbegrenztes Leben lebt. Es ist diese Erkenntnis, die den Menschen das Leben wirklich verstehen läßt, und solange er noch nicht sein unbegrenztes Selbst erkannt hat, lebt er ein Leben der Begrenzung, ein Leben der Illusion.

Prüfen Sie wieder Ihr Selbstbild und stellen Sie fest, wie begrenzt es ist, und entdecken Sie, wie Sie in Einschränkung und Enge ersticken und sich nach der Weite sehnen. Sie können Weite in sich selbst finden. Denken Sie wieder über diese Worte nach:

Die Welt des einen Menschen ist so klein wie eine Linse und die eines anderen so groß wie die ganze Welt.

Wir sind so groß wie unser Geist, wir sind so weit wie unser Geist, wir sind so niedrig wie unser Geist, wir sind so klein wie unser Geist.

Wir nehmen so viel vom Horizont ein, wie innerhalb unseres Bewußtseins ist, oder so viel, wie wir uns dessen bewußt sind.

Die Sicht wird weit, so weit wie das göttliche Auge.

ÜBUNG

In der inneren Stille tauchen gewichtige Gedanken, die die Natur Ihres Wesens betreffen, mit unerwarteter Klarheit auf. Sie können beobachten, daß Ihr Selbstbild tatsächlich auf den offensichtlicheren Merkmalen Ihrer Psyche und sogar Ihres Körpers beruht. Aber wenn Sie tiefer gehen, werden Sie entdecken, daß man in seiner gewöhnlichen Erfahrung dazu neigt, sich mit seiner Rolle zu identifizieren und auch mit seinen Gesichtszügen und ebenso mit den Gedanken, die durch die Begrenztheit der Sprache eingeengt werden, wenn man sie auszudrücken versucht. Versuchen Sie im Gegensatz dazu die wirkliche Person hinter der Verstellung des Rollenspiels zu erkennen, versuchen Sie Ihr wahres Antlitz hinter dem Gesicht zu erblicken, das Sie im Spiegel sehen und das Ihnen nun als eine Maske erscheint. Jetzt können Sie feststellen, daß Ihr Gefühl von Bedeutsamkeit in Ihren gewöhnlichen Gedanken oft verzerrt wird und daß Ihre Persönlichkeit, wie eine Pflanze, nur einen Bruchteil von dem ursprünglichen Reichtum ihres Samens zum Ausdruck bringt.

Machen Sie sich nun die Tatsache bewußt, daß Sie sich im Laufe Ihrer Erfahrung der existentiellen Welt mit Menschen, mit Situationen und mit der Materie des Planeten eingelassen haben und daß Sie, gefangen in der engen Perspektive, die das Betrachten der Details mit sich bringt, den Überblick verloren und infolgedessen vergessen haben, wer Sie sind.

Pir kommentiert:

Normalerweise ist unser Bewußtsein auf einen mikroskopisch kleinen Bereich eingeengt, während wir uns seines Zusammenhangs mit einer unendlichen Totalität nicht bewußt sind. Was Sie in diesem Raum auf der Leinwand Ihres Geistes (mind) erleben, ist nicht nur ein Bruchteil dessen, was auf dem Planeten geschieht - ganz abgesehen von den Galaxien -, sondern es ist ein unendlich kleiner Querschnitt einer n-dimensionalen Welt von Wesen, die ihr Leben in Welten leben, die uns nicht bekannt sind (die sich unserem Begriffsvermögen entziehen). Dazu gehört auch unsere Welt in ihrer Vergangenheit, die noch da ist, obwohl sie sich verändert hat. Diese Weite umfaßt Menschen, die wir während unseres Lebens gekannt haben oder deren Leben in den Annalen der Geschichte aufgezeichnet ist, und von denen wir in unserem unzulänglichen Denken annehmen, daß sie nicht mehr da sind.

Betrachten Sie diese Leinwand Ihres Geistes (mind) als eine Tür, die Sie über seine Begrenztheit hinausführt. Machen Sie sich klar, daß die Schatten auf der Leinwand nicht einfach nur das sind, was Sie wahrnehmen, sondern Hinweise, die, würden Sie ihnen folgen, Ihnen immer weitere Horizonte eröffnen würden. Dies könnte man mit einem Radio vergleichen, das als Wandler für ein unendliches Netz von Radiowellen funktioniert, die für uns keinen Sinn ergeben würden, wenn dieses komplexe Netzwerk von Wellen (in der Physik Welleninterferenznetz genannt) nicht auf den Bereich unserer Wahrnehmung reduziert würde.

Können Sie nun sehen, daß das, was wir als Objekte wahrnehmen, lediglich Abstraktionen einer tieferen dynamischen Wirklichkeit sind, die man als Beziehung zwischen Ereignissen beschreiben könnte? Was wir als Ereignisse wahrnehmen, sind nur Querschnitte von Beziehungen, die sich überkreuzen. Alles ist in Resonanz mit allem anderen. Unser Bewußtsein funktioniert wie das Radio, das dieses enorme Netzwerk reduziert, das unsere Intelligenz nicht sinnvoll verarbeiten könnte.

 

ÜBUNG

Versuchen Sie nun Ihr Bewußtsein auszudehnen. Denken Sie an den Unterschied zwischen dem Lesen von Buchstaben auf einer Buchseite und dem Betrachten eines weiten Horizontes. Natürlich ist es eine ideale Situation, wenn Sie nachts unter dem Sternenhimmel meditieren und denken, wie phantastisch es ist, daß die Retina unseres Auges empfindlich für Licht ist, das uns aus Entfernungen von unzähligen Lichtjahren erreicht! Stellen Sie sich außerdem vor, daß die Moleküle, Atome, Elektronen der Zellen Ihres Körpers ihren Ursprung im Urknall haben und daß sie sich im Laufe von Äonen so miteinander verbunden haben, daß sie eine Infrastruktur für die Intelligenz des Universums bilden, die sich als Ihr Bewußtsein fokussiert.

In einem weiteren Schritt versuchen Sie ein Lichtfeld zu spüren, das Ihren Körper umgibt und Ihre Körperzellen durchdringt. Identifizieren Sie sich damit.

Jetzt machen wir das Umgekehrte: Nachdem Sie Ihr Bewußtsein ausgedehnt haben, versuchen Sie ein Gefühl dafür zu bekommen, daß Sie einen weiteren Horizont mit Ihrem Bewußtsein umfassen. Beherbergen Sie Menschen in Ihrem Herzen und gewähren Sie ihnen Schutz, so daß sie genährt werden und fühlen, daß Sie sie unterstützen und sich für ihr Wohl einsetzen.

Nun da sich Ihre Reichweite ausgedehnt hat, werden Sie sich klar über die Bereiche, die Pir-o-Murshid Ihr Königreich nennt, für die Sie Verantwortung übernehmen, und ebenso darüber, für welche Menschen Sie sich verantwortlich fühlen.

(Übersetzung: Aeostra Hamann)