(Curriculum des Sufi-Ordens - Lektion 5)
(Alle Texte in Kursivschrift sind, falls nicht anders vermerkt, Äußerungen von Pir-o-Murshid Inayat Khan.)
In dieser zweiten Ausgabe zum Thema "Sich nach innen wenden" wollen wir vor dem Hintergrund der Äußerungen der alten Sufis Pir-o-Murshid Inayat Khans Anweisungen untersuchen, wie die Übung des Sich-nach-innen-Wendens dazu genutzt werden kann, Einsicht in unsere Probleme zu gewinnen und gleichermaßen Qualitäten in unserer Persönlichkeit zu erwecken, die uns als unser schlummerndes Potential unbekannt sind.
Denn das Geheimnis jeglicher Kenntnis, die man in der Welt erlangt - sei es weltliche Kenntnis oder spirituelle Erkenntnis - ist die Kenntnis des Selbst.
ÜBUNG
Beobachten Sie, daß wir, wenn wir zu meditieren versuchen, dazu neigen, lediglich die Eindrücke der physischen und psychischen Umgebung "wiederzukäuen", in der Annahme, das sei mit Sich-nach-innen-Wenden gemeint.
Es ist die Situation, in der wir uns befinden, die uns glauben läßt, wir seien dies oder jenes.
Was der Mensch im allgemeinen kennt, ist die Welt, die er um sich herum sieht. Was er versteht, ist, sich äußerlich auszudrücken und von dieser Sphäre so viel zu bekommen, wie er von sich aus bekommen kann. ... Er übersieht, daß es etwas jenseits dessen gibt, was er um sich herum wahrnimmt. (Mysticism of Sound)
Die Quelle der Erkenntnis der Wahrheit liegt im Menschen; er selbst ist das Objekt seiner Erkenntnis.
Die Welt lebt in unserer Psyche weiter, entstellt durch unsere persönliche Voreingenommenheit, die durch unsere persönlichen Emotionen verstärkt wird.
Versuchen Sie, sich der Wirkung Ihres Wesens auf Ihre Situation bewußt zu werden anstatt der Wirkung der Situation auf Ihr Wesen.
Sein Leben lang wandert man auf der Suche nach etwas, das nur in einem selbst zu finden ist. (Gatheka 11)
Anstatt es in seinem Inneren zu finden, will man es immer außenßnden. (Social Gatheka, The Power of the Word)
Rücken Sie jetzt die Eindrücke, die von außen einwirken, in den Hintergrund, und betonen Sie die Eindrücke, die von innen auftauchen. Das wirft ein neues Licht auf Ihre Einschätzung Ihrer Probleme.
Durch das Studium der menschlichen Natur erkennt man die Natur des Lebens im allgemeinen.
SELBSTANALYSE
Pir-o-Murshid weist auf Selbstanalyse als ersten Schritt in der Meditation hin:
Man sollte seinen Zustand kennenlernen, den Zustand seines Geistes, seines mind, seines Körpers, seiner Situation im Leben und seiner individuellen Beziehung zu anderen Menschen.
Der Mensch fragt sich, wie alles, was er sieht, ihn beeinflußt und was seine Reaktion auf all das ist. Wie reagiert zunächst einmal sein Geist auf die Objekte oder Umstände, denen er begegnet, auf die Geräusche, die er hört, auf die Worte, die Menschen zu ihm sprechen? Und das zweite ist, zu sehen, welche Wirkung er selbst auf die Objekte, auf die Umstände und auf die Personen hat, mit denen er in Kontakt kommt.
ÜBUNG
Schließen Sie die Augen, wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit vom Lärm der Umgebung ab und ebenso von Ihrer Erinnerung oder Ihrer Sorge um soziale oder psychische Umstände. Sie sind sich darüber im klaren, daß Ihre Einschätzung voreingenommen und daher nicht verläßlich ist. Stellen Sie sich vor, daß Ihre Augen nach innen gerichtet sind.
Schließen Sie die Augen und den mind gegenüber der äußeren Welt, und, anstatt sich nach außen zu wenden, wenden Sie sich nach innen. (Mental Purification)
Wenn die Augen nach innen gerichtet sind, sieht man in dem (inneren) Spiegel alles, was außen ist, reflektiert. (Soc. Gatheka)
Und wenn dieses Licht nach innen gerichtet wird, dann offenbart sich dem Menschen das Selbst. Seine eigene Natur und sein Charakter werden ihm erhellt. (Myst. of Sound)
Wenn Sie nun tief in sich hineinschauen, erscheint Ihnen Ihre Persönlichkeit als die äußere Manifestation einer tieferen, mehr kosmischen Wirklichkeit.
Wenn die Seele auf dem P fad des Wissens weiter fortschreitet, entdeckt sie: "Ja, es gibt etwas, das die Neigung hat, sich 'ich' zu nennen." Es gibt ein Gefühl von "ich", aber gleichzeitig ist alles, womit die Seele sich identifiziert, nicht sie selbst.
EIN UNIVERSUM IN UNS SELBST
Man findet ein Universum in sich selbst. Und durch das Studium des Selbst erlangt man die spirituelle Erkenntnis, nach der die Seele hungert.
Der Mensch wird in dieser Welt geboren, ohne daß er etwas von dem Königreich weiß, das in ihm ist.
Sobald wir uns selbst genau untersuchen, taucht die Frage auf: "Wer bin ich?" Man stellt seinen früheren Identitätsbegriff in Frage und kann sich nicht länger als ein "getrenntes Wesen" identifizieren, denn man sieht sich unauflöslich mit der ganzen Wirklichkeit verbunden.
Der Mensch muß sich analysieren und sehen: Wo stehe ich? Bin ich ein getrenntes, von allem abgeschlossenes Wesen?
Das Selbst zu kennen ist das Schwierigste, was es gibt, denn was der Mensch zunächst wahrnimmt, ist nur ein Teil, ein sehr begrenzter Teil des Selbst. Wenn der Mensch sich fragt: "Was ist dieses Ich in mir?", findet er seinen Körper und seinen mind, und in beiden erlebt er sich als begrenzt und getrennt von anderen. Es ist dieses Konzept seines Wesens, durch das der Mensch sich selbst als ein Individuum erkennt.
ÜBUNG
Tauchen Sie tief in sich selbst ein und versuchen Sie, die kosmischen Wurzeln zu erfassen, die als Ihre Persönlichkeit zum Ausdruck kommen, anstatt sich mit Ihrem Selbstbild zu identifizieren, das eine unzulängliche - ja, irreführende Vorstellung dessen ist, was wir sind.
Aber zu erklären, daß die Welt oder unser Selbstbild Maya sei, führt uns nicht sehr weit. Es reicht nicht, die Täuschung von Maya zu entlarven. Das ist eine negative Aussage; man möchte lieber erkennen, was man hinter der Maske des Selbstbildes wirklich ist.
Die Welt mag eine Illusion sein, aber dahinter erscheint eine Wirklichkeit. (Jami)
Der Islam bringt hier eine komplementäre Sichtweise zur yogischen Mayatheorie: Was an der Oberfläche erscheint, sind Hinweise, aus denen sich auf die Wirklichkeit schließen läßt.
Gott zeigt Seine Zeichen an den Horizonten und in der menschlichen Psyche. (Koran 51,21 [meine Übersetzung])
Alles was wir von Ihm wissen, wissen wir durch uns selbst.
Da wir Ihn durch uns selbst kennen, schreiben wir Ihm all die Qualitäten zu, die wir uns selbst zuschreiben. (Ibn 'Arabi, Fusus al-Hikam)
Die Züge unseres Selbstbildes, wie täuschend auch immer sie sein mögen, liefern uns Hinweise auf unser wahres Wesen.
Siehst du nicht, daß der Absolute in den Eigenschaften möglicher Wesen erscheint und uns dadurch Wissen über sich vermittelt, und daß Er sogar in den Eigenschaften von Unvollkommenheit und Schuld erscheint? (Ibn 'Arabi)
Vergleichen Sie mit Pir-o-Murshid Inayat Khan:
Der Mensch weiß nicht, daß es nichts gibt, was nicht in ihm ist. Ein Mensch, der zu sich sagt: "Ich besitze diese Fähigkeit nicht", zeigt, daß es ihm an Einsicht mangelt, was er ist.
Außerdem ist es unser Ärger, der uns in unserem Selbstbild, in unserer falschen Vorstellung von dem, was wir sind, gefangenhält. Machen Sie sich klar, daß es unsere Identifikation mit unserem Selbstbild - unserem Ego - ist, die uns unter den Schlägen, der Unfreundlichkeit und den Beleidigungen durch die Egos der Menschen leiden läßt. Wüßten wir, wer wir sind, würden die Pfeile unserer Beleidiger am Schild unserer psychischen Immunität abprallen.
Ärger ist Macht, aber Willenskraft ist größer. Das Recht, Willenskraft zu entwickeln, ist das Recht des höher entwickelten Menschen.
Was steht im Wege? Unser Leugnen. Der Vorgang, der unser wahres Wesen hinter unserem Selbstbild verbirgt, ist durchaus raffiniert, auch wenn er meist unbewußt abläuft: es ist das Leugnen unserer Fehler. Wir sind in unserem Selbstwertgefühl auf so empfindliche Weise von unserem Selbstbild abhängig, daß wir es schützen, so gut wir können - entweder indem wir ein aufgeblasenes Benehmen zur Schau tragen oder indem wir uns klein machen, um Konfrontation zu vermeiden: Demut als eine umgekehrte Form von Stolz. Dabei wird uns in den meisten Fällen kaum bewußt, daß wir nicht nur andere, sondern auch uns selbst täuschen.
Sobald diese Nebelwand sich einmal aufgelöst hat, enthüllt sich unser wahres Wesen. Die Methode, die traditionell als Vernichtung des Ego (fana) bezeichnet wird, besteht daher darin, diesen Trick des Egos zu entlarven und unser Selbstbild zu korrigieren, so daß es mit unserem wahren Wesen übereinstimmt. Wenn wir davon ausgehen, daß das wahre Ich, von dem unser "falsches Ich" nur ein kleiner Bruchteil ist, das ist, was wir mit Gott meinen, dann ist klar, daß wir, um zu entdecken, wer wir sind, unseren Identitätsbegriff zum entgegengesetzten Pol (Gott), der unpersönlichen Dimension unseres Wesens, verschieben müssen. Dies geschieht, indem wir unser vergängliches Bild als einen (vorübergehenden) Zustand der Totalität betrachten, die der Urgrund unseres Wesens ist und die wir Gott nennen.
Es liegt an unserer Begrenztheit, daß wir nicht das ganze Wesen sehen können.
ÜBUNG
Tauchen Sie nun noch tiefer ein. Wenn Sie sich nach innen wenden, begegnen Sie möglicherweise dem makellosen Kern Ihres Wesens. Nur wenn Sie mit dem Nichtsein in der Leere des Seins in Berührung kommen, entdecken Sie den verborgenen Schatz in sich: Ihr wahres Selbst.
Wie kann der Mensch es wagen, zu behaupten, er sei Gott! Nur die Leere, in der das Echo Lärm ist, ist in einem Herzen zu finden, das eine solche Größe für sich in Anspruch nehmen kann. Die wahre Leere füllt sich mit göttlichem Licht. Ein solches Herz ist es, das sich demutsvoll in ein Nichts verwandelt, so daß dieses Licht hervorstrahlt. Das Ego des Menschen ist eine Lampenglocke, und der Geist Gottes ist das Licht. "Arm " ("die Armen im Geiste") ist im Sinne von " dünn " zu verstehen. Wenn das Ego arm oder dünn ist, scheint der Geist Gottes hervor. (Morals; Blessed are the poor in spirit)
DAS ICH
Daher die Bedeutsamkeit des Lichts, das Pir-o-Murshid auf unsere Vorstellung von unserem Ich wirft. In unserer Meditation werden wir uns auf die Korrektur unseres Selbstbildes konzentrieren, indem wir es im Kontext der Ganzheit unseres Wesens sehen.
Mit "Konzentration " ist die Änderung der Identifikation der Seele gemeint, so daß sie ihren falschen Identitätsbegriff verliert und sich mit dem wahren Selbst anstatt mit dem Selbstbild identifiziert.
Unser Selbstbild ist eine unvollständige und daher irreführende Vorstellung von uns selbst.
Das falsche Ich ist das, was das Ich irrtümlich für sein wahres Wesen hält. Es ist nicht so, daß das falsche Ich unser Ich und das wahre Ich das Ich Gottes ist, sondern das wahre Ich, welches das Ich Gottes ist, ist in uns zu einem falschen Ich reduziert worden.
Andererseits ist unser falsches Ich offensichtlich ein von der kosmischen Planung vorgesehenes Mittel unseres Verteidigungssystems - unserer Abgrenzung. Auch Eitelkeit zum Beispiel ist ein Charakteristikum unseres Verteidigungssystems.
Eitelkeit ist eine Kraft, die den Menschen entweder zum Guten oder zum Schlechten führen kann.
Die Entwöhnung vom Ego sollte daher mit weiser Sorgfalt geschehen, um keine Entzugssymptome auszulösen.
Wenn man im Leben mit Selbstentäußerung begänne, würde man nie ein Selbst. Wessen würde man sich entäußern? Entäußerung kommt später. Erst einmal muß man ein Selbst sein, ein wirkliches Selbst, das wert ist, zu sein. Wer den Zustand der Indifferenz erreicht, ohne Interesse am Leben erfahren zu haben, ist unvollständig und jederzeit anfällig dafür, durch Interesse in Versuchung geführt zu werden. Aber wer den Zustand der Indifferenz erreicht, indem er zunächst durch Interesse hindurchgeht, erlangt wirklich den gesegneten Zustand. Indifferenz gibt große Macht, aber die ganze Manifestation ist ein Phänomen des Interesses. Diese ganze Welt, die der Mensch geschaffen hat - woraus ist sie entstanden? Sie ist aus der Macht des Interesses entstanden. Die ganze Schöpfung und alles, was darin ist, ist ein Ergebnis des Interesses des Schöpfers. Es ist das Motiv, das dem Menschen die Macht gibt, Dinge zu vollbringen. Aber gleichzeitig ist die Macht der Indifferenz noch größer, denn obwohl das Motiv eine Macht hat, begrenzt es zugleich diese Macht.
VERNICHTUNG (FANA)
Pir-o-Murshid Inayat Khan weist auf einen häufig vorkommenden Irrtum hin, der darin besteht, daß man annimmt, um sein wirkliches Selbst (das wirkliche Ich in einem) hinter seinem Selbstbild (dem falschen Ich) zu finden, müsse man das Ego vernichten (fana). Es besteht sogar die Gefahr, daß man stolz ist auf seine falsche Demut.
Die Nüchternheit des Ichs ist göttliche Eitelkeit, und die Berauschtheit des Ichs ist die Einbildung des Menschen. (Alchemy of Happiness)
Die Lösung, die Pir-o-Murshid uns nahelegt, ist:
Wenn in irgendetwas der göttliche Ursprung zu erkennen ist, dann ist es in der Aristokratie der menschlichen Seele, in der Demokratie des menschlichen Ichs. In der Welt sehen wir, daß es Aristokratie gibt und daß es Demokratie gibt, aber m der spirituellen Entfaltung werden sie eins und gipfeln m wirklicher Vollkommenheit.
Wenn wir die virtuelle Gegenwart der Totalität, d. h. Gottes, in jedem ihrer Teile (unserem Ich) als gegeben annehmen, dann können wir sehen, wie dieses ganze Wesen in uns eingeengt und reduziert und andererseits in einzigartiger Weise exemplifiziert wird. Der Vorteil der individuellen Dimension des kosmischen Ichs ist, daß jedes einzelne Ich, indem es den anderen die Merkmale vermittelt, durch die die Totalität des Universums (Gott) "hominisiert" wird, den ganzen Kosmos bereichert.
Es gibt einen Geist, der alles Wissen sammelt und aufspeichert, das jedes Wesen jemals hatte. \
ÜBUNG
Stellen Sie sich Ihr Ego als die Spitze des Eisbergs vor und das göttliche Ich als die Basis.
Wenn der Mensch tief genug in sich eintauchte, würde er einen Punkt seines Ichs erreichen, wo es ein unbegrenztes Leben lebt. Es ist diese Erkenntnis, die den Menschen das Leben wirklich verstehen läßt, und solange er noch nicht sein unbegrenztes Selbst erkannt hat, lebt er ein Leben der Begrenzung, ein Leben der Illusion.
Wenn der Mensch in dieser Illusion " ich" sagt, ist es in Wirklichkeit eine falsche Behauptung. Jeder Mensch behauptet daher sein falsches Ich, außer einigen, die ein wirkliches Verständnis der Wahrheit erlangt haben. Die Sufis bezeichnen diese falsche Behauptung des Ichs als Nafs, und die Entäußerung von diesem falschen Ich ist das Ziel des Weisen. Sich dieses falschen Ichs zu entäußern, ist jedoch zweifellos schwieriger als alles andere auf der Welt, und es ist dieser Pfad der Selbstentäußerung, der der Pfad der Heiligen und Weisen ist.
Es ist nicht so, daß man sich vernichtet, indem man sich des falschen Ichs entäußert. Es mag so erscheinen, aber in Wirklichkeit ist es nicht so. In Wirklichkeit ist es das Finden des Selbst, eines Selbst, das vollkommen ist... Das Ich selbst wird niemals zerstört, es ist nur die Illusion, die vergeht. Das Ich ist das Eine, das lebt. In der Erkenntnis des Ichs liegt das Geheimnis der Unsterblichkeit.
Vergleichen Sie:
Die meisten derer, die Gott zu erkennen versuchen, halten das Enden der Existenz und das Enden dieses Endens für die Voraussetzung, Gotteserkenntnis zu erlangen, aber das ist ein Irrtum und eine eindeutig falsche Sichtweise.
Es ist nicht deine Existenz, die endet, sondern deine Unwissenheit.
(Ibn 'Arabi, Whoso knoweth himself...)
DAS PARADOXON: GOTT IM MENSCHEN - DER MENSCH IN GOTT
Die Schwierigkeit liegt darin, mit dem Verstand zu akzeptieren, daß wir einerseits ein "getrenntes Wesen" sind, daß jedoch gleichzeitig die Totalität in all ihren Teilen potentiell vorhanden ist.
Es gibt keine Möglichkeit, einen Beweis der Existenz Gottes zu erhalten, außer dadurch, daß man sich selbst kennenlernt und die Phänomene erlebt, die in einem selbst sind. (Mind World)
An einem gewissen Punkt erklärt Ibn 'Arabi:
Du bist nicht du; du bist Er ohne dich. Weder tritt Er in dich ein, noch trittst du in Ihn ein... Du warst niemals, noch wirst du jemals sein, weder aus dir selbst heraus noch durch Ihn oder in Ihm oder zusammen mit Ihm... Wenn du auf diese Weise deine Existenz kennst, dann kennst du Gott, und wenn nicht, dann nicht. (Whoso knoweth himself ...)
Dann scheint er sich selbst zu widersprechen:
Wisse, inwieweit du Gott bist und inwieweit du nicht Gott bist.
Auf einer fortgeschrittenen Stufe erreicht der menschliche Geist höher entwickelte Arten der Kenntnis: Komplementarität - das Vereinbaren des Unvereinbaren.
Gott kann nur durch die Synthese gegensätzlicher Erkenntnisse erkannt werden. (al-Kharraz)
Pir-o-Murshid Inayat Khan liefert uns das verständlichste Beispiel:
Der Mensch ist ein Zustand Gottes, so wie die Welle ein Zustand des Meeres ist.
Indem wir uns mit der persönlichen Dimension unseres Wesens identifizieren, versäumen wir es, den Reichtum unseres Potentials zu erkennen, und schreiben ihn Gott als "außerhalb" zu. Wenn man an Gott als "außerhalb" denkt, kann man sich vorstellen, daß die Archetypen unserer Formen nur in Gott vorhanden sind. Wenn man jedoch davon ausgeht, daß alles Gott ist, dann schlummert natürlich die göttliche Vollkommenheit latent in uns.
ÜBUNG
Versuchen Sie sich vorzustellen, daß - obwohl Sie daran gewöhnt sind, sich für ein getrenntes Wesen in der unermeßlichen Welt zu halten - die ganze Welt potentiell in Ihnen vorhanden ist.
Der Schöpfer ist in Seiner Schöpfung verborgen.
Vergleichen Sie:
Sieh, die Welt ist völlig in dir enthalten. Die Welt ist ein Mensch, und der Mensch ist eine Welt.
Diejenigen, denen die Einheit offenbart wird, sehen das absolute Ganze in den Teilen. Aber jeder Teil ist in Verzweiflung über seine Trennung vom Ganzen.
(Shabistari, The Mystic Rose Garden)
Wenn die subtile Natur des Menschen durch seine Neigung rein geworden ist, dann kontempliert er in sich, was im Kosmos von der gleichen Natur ist. (Ainul Qudat Hamadhani)
Wie wir in der vorangehenden Lektion gesehen haben, zeigt Pir-o-Murshid uns, daß es von unserer Perspektive abhängt:
Wenn ich meine Augen gegenüber der äußeren Welt öffne, fühle ich mich wie ein Tropfen im Meer, aber wenn ich meine Augen schließe und nach innen schaue, sehe ich das ganze Universum als ein Bläschen, das im Ozean meines Herzens aufsteigt.
ERWORBENES WISSEN GEGENÜBER OFFENBARTEM WISSEN
Um dies zu tun, müssen wir den persönlichen Standpunkt unseres Bewußtseins umgehen, denn dies ist nicht eine Art von Kenntnis, die erworben werden kann. Wenn wir den Versuch aufgeben, sie mit unserem Bewußtsein zu erfassen, wird sie uns nach und nach offenbart werden (offenbartes Wissen statt erworbenes Wissen - die "significatio passiva" von Martin Luther).
Niemand weiß, was in ihm ist, bis es ihm enthüllt wird (Ibn 'Arabi)
Vergleichen Sie mit Pir-o-Murshid Inayat Khan:
Offenbarung ist die Enthüllung des inneren Selbst. Das Bewußtsein, das während der ganzen Manifestation auf die Oberfläche gerichtet ist, wendet der inneren Welt seinen Rücken zu und verliert sie dadurch aus dem Blick. Aber wenn es nach innen schaut, wird ihm die unsichtbare Welt enthüllt.