158: Was ist Meditation? - Wie meditiert man?
von Pir Vilayat Inayat Khan und Taj Inayat Khan

Einleitung
von Taj Inayat

Ich möchte mit Ihnen den Hintergrund teilen, vor dem diese Ausgabe von Keeping in Touch geschrieben wurde.
Nach Pir Vilayats erstem Schlaganfall dauerte es Wochen, bis er seine Fähigkeit wiedererlangte, zu sprechen und seine Ideen mitzuteilen. Ganz allmählich entwickelte er ein System der Kommunikation, worin er seine Gedanken diktierte und sie sich wieder vorlesen ließ. Wenn Sie mögen, versuchen Sie sich einmal die Schwierigkeit vorzustellen, die Abfolge ganzer Textabschnitte klar im Geist zu halten, während er dem lauschte, was ihm von seinem Diktat wieder vorgelesen wurde, und anschließend Korrekturen vornahm.
Es war ein ermüdender Prozess, aber zugleich einer, dessen er niemals überdrüssig zu werden schien. Oft döste er vorübergehend ein, aber bei jedem Erwachen pflegte er zu sagen: "Nun, wo waren wir stehen geblieben?" Dann fing er sofort wieder an. Das ging tage- und wochenlang so weiter. Er arbeitete intensiv an verschiedenen Artikeln, von denen einige schon vor seinem Tod in früheren Ausgaben von Keeping in Touch veröffentlicht wurden.
Eines Tages sagte er, dass er gern mit mir zusammen einen Artikel über Meditation schreiben würde und dass jeder von uns einen Teil davon schreiben sollte. Zuerst nahm ich ihn nicht ernst, so dass ich es einige Tage zu verzögern versuchte. Ich glaubte, er würde mich nur zu beschäftigen versuchen, weil er vielleicht dachte, dass ich nicht damit ausgelastet wäre, den ganzen Tag bloß an seinem Bett zu sitzen. Als er mit seinem Teil fertig war, hatte ich mit meinem noch nicht einmal angefangen. Jedes Mal, wenn er fragte, wie ich mit meinem Teil vorankäme, antwortete ich mit einer Ausflucht. Aber er blieb dabei, das Thema anzuschneiden, bis ich anfing, mich schuldig zu fühlen, und schließlich begann ich einige Gedanken niederzuschreiben.
Dann musste ich ihm natürlich vorlesen, was ich geschrieben hatte, und er dachte darüber nach, was ich gesagt hatte. An gewissen Stellen pflegten seine Augen aufzuleuchten, wie etwa bei dem Satz: "Gott wird Mensch, damit der Mensch Gott werden kann." Ich habe die Quelle für dieses Zitat nie gefunden. Ich muss ihm meinen Anteil an diesem Artikel zwanzigmal vorgelesen haben, manchmal so, dass ich nahezu in sein Ohr schrie wegen seiner Hörschwäche. Ich dachte, dass die anderen Familienmitglieder in Fazil Mansil es sicherlich satt haben mussten, aber er schien niemals müde zu werden, es zu hören. Er schien glücklich darüber, die zwei Pole der Meditation, von denen die Rede war, zusammen zu sehen.
Ich erinnere mich jetzt an diese Zeit mit so viel Zärtlichkeit. Ich fühle mich dankbar, in diesen letzten Tagen - sogar unter so schwierigen Umständen - die Freude gehabt zu haben, unsere inneren Gedanken und Erfahrungen so tief zu teilen, wie wir es für mehr als 35 Jahre getan hatten. In gewisser Weise ist dieses Keeping in Touch ein Testament unseres fortwährenden Dialogs: des Zwiegesprächs, das wir begannen, als wir uns zum ersten Mal begegneten, und das andauerte, bis er nicht mehr sprechen konnte.

Was ist Meditation? Wie meditiert man?
von Pir Vilayat

Man täuscht sich, wenn man eine gewisse Zeitspanne für die Meditation reserviert und danach in sein gewöhnliches Denken zurückkehrt. Das Ziel der Meditation ist Erwachen - die Programmierung hinter den Fakten zu sehen. Das verlangt von einem, seine Sichtweise von ihrer üblichen Form wegzubewegen. Erwachen beeinflusst unser Denken und Handeln im alltäglichen Leben.
Um zu meditieren muss man zuerst solche Gedanken verbannen, die sich auf die physische Welt beziehen. Shaghal ist der erste Schritt, weil man damit diejenigen Gedanken eliminiert, die sich auf das beziehen, was nicht ist. Indem man seine Sinne verschließt, sperrt man die Eindrücke des Tages aus. Die Folge davon ist, dass das Bewusstsein, wenn es auf der einen Seite - der Außenseite - geblendet ist, sich nach innen wendet.

Hazrat Inayat Khan sagt:
Wenn er in die innere Kammer eintreten und die Tür vor jedem Klang außer dem seiner Seele schließen kann, dann wird er den Grundton seines Lebens kennen. [Sangatha III]
Es ist nötig, dass man die Gedanken über sich selbst im Lichte des ganzen Bildes neu erwägt. Man rührt an eine andere als die physische Ebene von Realität. Wirklichkeit manifestiert sich tatsächlich im Physischen, aber um sie zu erfassen, muss man das Physische vom Blickwinkel des Göttlichen aus sehen.
In Shaghal erkennt man also die alltägliche Realität als sekundär, als einen konkretisierten und personalisierten Ausdruck der göttlichen Planung. Die Kraft der Meditation liegt darin, die Dinge vom göttlichen Standpunkt aus zu sehen.
Man sieht wirklich hinter die Kulissen des Lebens und in die Beweggründe der göttlichen Planung hinein. Das ist gemeint mit "die Dinge vom göttlichen Standpunkt aus sehen".
Meditation ist die Kunst, Verzerrung zu korrigieren, um Realität zu erfassen.
Um dies zu können, muss man sich zuerst mit seiner Identität befassen. In seine Identität muss man sein transpersonales Sein mit einschließen, also das, was wir unter Gott verstehen. Das ist ein ganz anderes Reich als das physische. Man betrachtet materielle Fakten als die Anwendung der Programmierung; man sieht immer die Motivation hinter den existentiellen Tatsachen. Erwachen verlangt, dass man die gewöhnliche Art, die Dinge zu sehen, verabschiedet, um die Ursache hinter der Wirkung zu erfassen. Man muss vermeiden, in sein gewöhnliches Bewusstsein zurückzugleiten.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen unserer Meinung und der Realität. Man könnte das illustrieren durch die Beschreibung eines Elektrons als Partikel, das sich auf einer Umlaufbahn bewegt. Diese Beschreibung wäre eine totale Fehldeutung in Bezug auf den Weg des Elektrons, denn man kann nicht Geschwindigkeit und Ort eines subatomaren Teilchens zur selben Zeit messen.
Unsere Persönlichkeit ist wie eine Variation auf ein musikalisches Thema. Sie ist das göttliche Thema, aber irgendwie ist das Individuum innerhalb der Perspektive des Ganzen entsprungen. Es ist getrennt vom Ganzen insofern, als es seine eigene Sichtweise hat und sogar die göttliche Sichtweise in einer einzigartigen Weise interpretiert. Das göttliche Wesen hat sich selbst fragmentiert, und diese Fragmente bereichern es genauso, wie die Variation auf ein musikalisches Thema dieses bereichert.
Was durch das Leben gewonnen wird, ist das Individuum in seiner Beziehung zur Totalität.

Was ist Meditation? - Wie meditiert man?
von Taj Inayat

Die Praxis der Meditation kann uns helfen, den Zweck unseres Lebens zu erfüllen: für unsere göttliche Natur zu erwachen, und ferner, dieses Mysterium in unserem alltäglichen Leben zu verkörpern und zu leben. Unsere tiefste Natur zu verkörpern, ist das spirituelle Hauptthema unserer Zeit. Wie Hazrat Inayat Khan sagt, ist die Botschaft des Tages das Erwachen der Menschheit zur Göttlichkeit des menschlichen Wesens.
Evolutionäre Intelligenz hat ein 'Verlangen' nach immer weiterer Integration aller Aspekte ihres Wesens. Dies vollzieht sich durch den Prozess von Abstieg und Aufstieg (siehe die Lehren von Hazrat Inayat Khan in The Soul Whence and Whither). Alles ist eins im ewigen Anfang (dem Alpha unseres Seins), doch durch den Prozess der Manifestation teilt oder unterscheidet sich das Einzige Wesen in verschiedenartige Gestalten (fein und grob) zur Freude des Schöpfers/Künstlers.
"Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden kann."
Die Seele inkarniert und verfestigt sich in einem allmählichen Lernprozess, um ein separates 'Ich' zu sein. Wenn diese 'Reise' mehr oder weniger vollendet ist, befindet sich die Seele hier, in einer Subjekt-Objekt-Welt, individualisiert zu einem einzigartigen ichzentrierten Universum, nicht mehr imstande, in der ihr eingewurzelten liebenden Einheit der Existenz zu fühlen und in dieser zu verweilen.
Trotz dieses Gefühls von Entfremdung gibt es jedoch einen großartigen Zweck hinter dem 'Fall'. Wie Hazrat Inayat Khan sagt: "Gepriesen sei mein Fall aus dem Garten Eden… Wenn dies sich nicht zugetragen hätte, wäre ich nicht fähig gewesen, die Tiefen des Lebens zu erleben."
Mystiker aller Zeiten stimmen darin überein, dass unsere höchste menschliche Aufgabe darin besteht, die Einheit der Existenz in allen und durch alle Ebenen des Seins zu erkennen. Die meisten von uns erleben jedoch unser Selbst und die Welt um uns herum auf subjektive Weise, durch die Linse einer historischen, konditionierten Sichtweise und Selbstempfindung. Unter einer dünnen Tünche spüren die meisten Menschen ein vages Gefühl von Unglücklichsein, Unruhe und Leere.
Der ganze mystische Pfad ist der Prozess des Erwachens aus unserer egozentrierten Existenz - mit der ihr innewohnenden Unzufriedenheit und Bedeutungslosigkeit - in einen tieferen Grund des Seins, der von Natur aus ein Gefühl von Staunen, Freude und Frieden verleiht. Tatsächlich sind unsere Bemühungen, Liebe, Wert, Frieden und Freude zu erlangen, in Wirklichkeit die Suche nach unserem eigenen Selbst, unserem tieferen Selbst, das in unserem eigenen Herzen begraben liegt.
Die Praxis der Meditation kann uns helfen, die Identifizierung mit unserem gewöhnlichen begrenzten Selbstgefühl aufzulösen und uns dieser tieferen und wahreren Wesensnatur zu öffnen. Indem wir diese Tiefe entdecken und aus ihr heraus leben, erringen wir nicht nur das, wonach unser Herz sich sehnt, sondern wir erfüllen den Zweck menschlicher Existenz.
Auf welche Weise kann Meditation helfen?
Bereits die bloße Absicht, regelmäßig zu meditieren, beginnt das Ego-Leben aus seiner zentralen Stellung herauszuschieben. Zuerst glauben wir an eine größere Art von Existenz oder Wahrnehmungsfeld jenseits unseres normalen Bereichs, dann erleben wir dies, und dadurch wird unsere selbstzentrierte Sicht relativiert. Wir fangen an, einem größeren und tieferen Zentrum die Treue zu halten. Die Verpflichtung zu einer täglichen Praxis bedeutet auf der simpelsten Stufe, dass unsere gewöhnliche Art des Tuns sich ändern muss. Eine halbe Stunde Meditation am Morgen in unseren Tagesablauf einzufügen, zieht eine Einbuße an Zeit für andere Aktivitäten (Schlafen, Zeitungslesen, Rumtrödeln, etc.) nach sich.
Tag für Tag an einer Meditationspraxis mit manchmal sehr wenig spürbarem Erfolg festzuhalten, erfordert Disziplin, Loyalität, Liebe und Glauben. Zu Beginn nimmt man für gewöhnlich an, dass Erleuchtung unserem Leiden ein Ende machen wird, so dass wir hoch motiviert sind, zu üben. Allmählich aber beginnt es uns zu dämmern, dass eben das Selbst, welches Erleuchtung ersehnt, in Wirklichkeit das Haupthindernis für die Erfahrung unseres tieferen Grundes ist. Es ist natürlich, in unserer Meditationspraxis durch Stufen der Entwicklung zu gehen. Wir beginnen als der Suchende und entdecken dann, dass wir der Eine sind, der gesucht wird.
Ein Gedicht von La La:
Ich suchte überall nach dir. Du spieltest Verstecken mit mir, bis ich erkannte, dass ich Du war. Und die Feier dessen begann.
Hazrat Inayat Khan bezeugt diese Stadien auf schöne Weise:
Als Du auf Deinem Throne saßest, mit einer Krone auf Deinem Haupt, warf ich mich vor Dir zu Boden und nannte Dich 'mein Herr'.
Als Du Deine Hände segnend über mich ausstrecktest, kniete ich nieder und nannte Dich 'mein Meister'.
Als Du mich aufhobst vom Boden und mich in Deinen Armen hieltest, rückte ich noch näher zu Dir und nannte Dich 'mein Geliebter'.
Aber als Deine liebkosenden Hände meinen Kopf an Dein glühendes Herz zogen und Du mich küsstest, da lächelte ich und nannte Dich 'mein Selbst'. [Complete Sayings]
Während unsere Meditation sich vertieft, lernen wir mehr und mehr, im tieferen Grund unserer Existenz (Gott) zu verweilen. Dies zeigt einen Wechsel an - von einer mehr egozentrierten zu einer mehr gottzentrierten Erfahrung. Der vorübergehende Zustand wird als 'Hal' bezeichnet. Damit ein Hal zu einer Station, einem Stützpunkt [Maqam] wird, ist es nötig, dass mehr und mehr Aufmerksamkeit darauf gerichtet wird, wie wir unser tägliches Leben verbringen. (Siehe Hazrat Inayat Khans Lehren über Moralische Kultur.) Gipfelerfahrungen vom Göttlichen zu haben, ist ein erster Schritt, aber diese Realität fortwährend zu verkörpern, erfordert eine radikale Überholung unserer ganzen Persönlichkeitsstruktur.
Die systematische Auflösung unserer gewohnten Lebensweise ist die spirituelle Arbeit eines ganzen Lebens. Dieser Prozess erfordert tiefe Hingabe, Liebe und Führung. Sehr wenige von uns scheinen ernsthaft daran interessiert zu sein, das Egoleben, das zu führen wir uns angewöhnt haben, derart vollständig aufzugeben. Doch diese Transformation ist das, wozu wir eingeladen wurden. Wenn wir diesen Pfad akzeptieren und uns aus ganzem Herzen dem göttlichen Wirken zur Verfügung stellen, dann löst sich unsere historisch geformte Persönlichkeit allmählich auf ("Stirb, bevor du stirbst") und wir werden zu einem Tempel, der dem Einzigen Wesen ermöglicht, ein menschliches Leben zu führen. Das zuvor "bloß Menschliche" ist dann zum "rein Göttlichen" geworden.
Hazrat Inayat Khan:
Der Mensch ist göttliche Begrenzung und Gott ist menschliche Vollkommenheit.

Übersetzung von Kaivan Plesken