Pir Vilayat Inayat Khan:
Spirituelle Orientierung in der gegenwärtigen Weltkrise

Wie können wir mit der Gewalttat umgehen?
Können wir irgendetwas tun?
Was können wir tun?

Wir sind alle emotional schockiert und gewaltsam herausgefordert von der unglaublichen Grausamkeit, dem Horror des Geschehens: die Stimme der Verzweiflung erreicht uns aus der Luft, "O mein Gott! O mein Gott!", als Passagierflugzeuge von - einer Gehirnwäsche unterzogenen - Kamikazes in tödliche Bomben verwandelt wurden, welche - mit menschlichem Leben gefüllt - von Menschen stammende herzlose Greueltaten an unschuldigen Menschen bewirkten. Die massenhafte Zerstörung wird in der Weltgeschichte nachhallen als ein Omen für die Verwundbarkeit der Konstrukte unserer wohlhabenden hochentwickelten Zivilisationen in den Händen von ein paar verlorenen Seelen, Opfern einer Gehirnwäsche, die nach einer fehlerhaften Deutung ihrer Religion handelten und noch nie etwas gehört hatten vom Streben nach dem "Erwachen der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschseins; dem Erwachen des Gewissens".

Wie konnte ein menschliches Wesen bloß auf den Gedanken kommen, seinen Mitmenschen derart herzlose Greuel zuzufügen? Stellen Sie sich die Menschen vor, die in ihrer Verzweiflung aus dem Fenster in den Tod springen, umgeben von Flammen und Rauch, bei lebendigem Leibe gebraten, unfähig zu entkommen! Und wir könnten niemals das Maß mutwilliger Zerstörung dessen abschätzen, was mit so viel Sorgfalt, engagierter Bemühung und Geschick aufgebaut worden war! Ein Angriff auf die Zivilisation selbst! Und jetzt: die alarmierende Erwartung, daß Millionen unschuldiger Menschen zur Vergeltung geopfert werden könnten. Dennoch können wir nicht die Verantwortung übernehmen zu erlauben, daß diese diabolische Abscheulichkeit sich wiederholt.

In dieser gegenwärtigen Krise; in unserer Bestürzung über eine gestörte, dahintorkelnde Welt am Rande der Katastrophe (oder wird sie etwa geschüttelt von überaus bösartigen und gefährlichen Geburtswehen, die eine 'schöne neue Welt' ankündigen?); während wir zittern angesichts der Bedrohung, daß weitere unvorstellbar eskalierende Verwüstung auf unseren einstmals schönen Planeten losgelassen wird und Mord oder qualvolles Leiden über Millionen, vielleicht Milliarden von unschuldigen Menschen kommt,- in dieser Situation stehen unsere spirituellen Werte auf dem Spiel. Wir werden geprüft, ob wir Vergeltung üben wollen für die abscheuliche Grausamkeit gegenüber Menschen, die ihrer täglichen Arbeit nachgingen. Ist es hilfreich, Massen von anderen unschuldigen Menschen zu töten, die nicht verantwortlich sind für diesen barbarischen Terrorakt, um unsere eigene Gewalttätigkeit zu befriedigen - als Rechtfertigung? Das hieße doch, in primitive Fehden zurückzugleiten, in Systeme der Blutrache, wo es üblich war, daß eine Beleidigung nur durch Rache gesühnt werden konnte, um die eigene Ehre wiederherzustellen.

Hazrat Inayat Khan:
Man hat eine natürliche Neigung, wenn man beleidigt wird zu denken, daß die richtige Antwort darin besteht, die andere Person noch stärker zu beleidigen. Man bezieht sogar eine momentane Befriedigung daraus, eine gute Antwort gegeben zu haben.

Unzählige Menschenleben sind in vergangenen Kriegen zugunsten von Vergeltung geopfert worden, als sie mit einem zivilisierteren Ehrgefühl hätten geschont werden können. Darüber hinaus schlägt so etwas auf den Rächer zurück.

Hazrat Inayat Khan:
So flammt ein Feuer auf in dem Gemüt, das vorher friedlich gewesen war, und indem es darauf reagiert, nimmt es an diesem Feuer teil, das einen selbst verbrennen wird. Man gießt Öl auf das Feuer, das zerstörisch aufsteigt und weitere Zerstörung verursacht. ... Wenn man der Disharmonie nachgibt, bewirkt man ihre Vervielfältigung.

Derart von unserem verletzten Gefühl angestachelt, neigen wir dazu, aus Wut mit Kraftprotzerei zu reagieren, anstatt in einer gesammelten Weise zu handeln, um die Situation zu beherrschen. Erinnern wir uns an einen Vorfall im Leben von Hazrat Ali, der einen Feind freiließ, der ihm ins Gesicht gespuckt hatte, worauf der Feind fragte, warum er ihn nicht getöttet habe. Hazrat Ali sagte: "Ich wollte nicht aus einer Stimmung der Wut heraus reagieren".

Die Lehre von Christus "Widersteht nicht dem Bösen" ist ein Hinweis, daß man nicht am Übel teilnehmen und dadurch die gleiche Schuld auf sich laden solle. Christus' von der Zeit gewürdigte Ankündigung auf dem Ölberg, die tapfer und mutig die Beschimpfungen der Pharisäer herausforderte, markierte einen radikalen Wendepunkt im Geschichtsablauf - vom Gesetz der Vergeltung zum Ideal der Liebe. Kabbalisten haben passenderweise diese kosmische Antinomie dargestellt, indem sie Chesed (Großherzigkeit) und Din (das Gesetz) im Lebensbaum einander gegenüberstellten - Ya Rahman und Ya Wali.

Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: widersteht nicht dem Übeltäter. ... Ihr habt gehört: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage, liebt euren Feind und betet für diejenigen, welche euch verfolgen, so daß ihr Kinder eures Vaters im Himmel sein könnt.[Matthäus 6 - 38,43]

Das ist die ultimative Ermahnung - zugegebenermaßen schwierig zu befolgen.

Gandhi:
Es ist Gewaltlosigkeit, wenn wir diejenigen lieben, die uns hassen. Ich weiß, wie schwierig es ist, diesem großen Gesetz der Liebe zu folgen. Aber ist nicht alles Große und Gute schwer zu tun? Das Ziel sollte nicht sein, den Gegner zu bestrafen oder ihn zu verletzen. Wir müssen ihn fühlen lassen, daß er in uns einen Freund hat. Das ist ein Mittel, um die Zusammenarbeit des Opponenten sicherzustellen in Einklang mit Wahrheit und Gerechtigkeit.

Wie können wir Freund sein mit einem skrupellosen, brutalen Killer?

Christus:
Sie wissen nicht, was sie tun.

Hazrat Inayat Khan:
Der Weise versteht; denn er weiß, daß die anderen betrunken sind und daß man nichts anderes von ihnen erwarten kann.[Vol. 6, Alchemy of Happiness, Life a Continual Battle (2)]Während der Schlacht gibt es einen Rausch; man kämpft, aber man weiß nicht, wohin man geht, und am Ende der Schlacht - sogar, wenn man siegreich ist - wird man feststellen, daß sein Sieg ein Verlust ist. [Vol. 6, Alchemy of Happiness, Life a Continual Battle (1)]

Wir können ihnen aber nicht gestatten, ihr tödliches Unrecht unschuldigen Menschen anzutun oder die Heiligkeit unseres Ideals zu besudeln. Deshalb müssen wir machtvoll einschreiten wie ein Ritter.

Und mit einer Peitsche, aus Schnüren gefertigt, jagte er sie aus dem Tempel.[Johannes-Evangelium]

Hazrat Inayat Khan:
Liebe gegenüber einem Teufel sollte darin bestehen, ihm zu wünschen, daß er sich bessern möge, aber sein Unheil zu tolerieren heißt zulassen, daß er Einfluß auf uns erlangt.

Das war genau der strittige Punkt, den ich mit Noor diskutierte, als die Kanonen der Nazis sich unserem Haus näherten. "Wir haben Lippenbekenntnisse für die Botschaft der Einheit abgelegt, für die Achtung aller Religionen, aller Rassen, die Heiligkeit des Lebens. Sind das bloß Worte? Jetzt kommt die entscheidende Prüfung: dieses Ideal wird verletzt und behindert - was sind wir bereit für es zu tun?" Wir beschlossen, uns freiwillig zu melden, im Kampf mit Herz und Seele dabeizusein unter Einsatz unseres Lebens, aber ohne zu töten, um die Opfer dieser Gewalt zu retten, die den Werten angetan wurde, für die wir eintreten. Wir verließen unser Heim, unsere Sicherheit, aber als aufrechte Menschen.

Gandhi:
Was ich meine ist nicht sanftmütige Unterwerfung unter den Willen des Übeltäters, sondern Einsatz der ganzen Seele gegen den Willen des Tyrannen. Ich glaube tatsächlich,- wenn ich die Wahl hätte zwischen Feigheit und Gewalt, würde ich Gewalt empfehlen. ... Aber ich glaube auch, daß Gewaltlosigkeit der Gewalt unendlich überlegen ist, daß Vergebung mannhafter ist als Bestrafung. Stärke kommt nicht aus physischen Fähigkeiten; sie stammt aus einem unbezähmbaren Willen.

Hazrat Inayat Khan:
Wer genug Selbstbeherrschung besitzt um standhaft zu sein, wenn die andere Person einen Wutanfall hat, wird zuletzt siegen. ... Aber um gegenüber dieser Disharmonie standzuhalten, die von außen kommt, muß man zuerst üben, standhaft zu bleiben gegenüber der Disharmonie, die von innen kommt. Denn die eigene Seele ist schwieriger zu beherrschen als die anderen. Und wenn man es nicht schafft, sich selbst zu beherrschen, ist es höchst schwierig, gegenüber der Disharmonie von außen standzuhalten.

Was sollen wir also tun? Sollen wir uns bloß zurücklehnen, als Familie zusammensitzen und passiv den Nachrichten zuhören? Uns sorgen wegen der Gefahren oder Nöte, die über uns hereinbrechen könnten? Versuchen, die Wunden in unserer Seele zu heilen? Oder sollen wir schlichterweise die Einheit der Religionen predigen für Menschen, welche vor Verzweiflung blind und taub geworden sind? Das war genau das, was Noor und ich diskutiert hatten.

Hazrat Inayat Khan:
Das Leiden ist unser erster Aufruf.

Es könnte mehr Leid auf uns warten, viel mehr Leiden von unschuldigen Menschen. Sind wir bereit, den Opfern dieser Situation zu helfen, in welcher Weise auch immer wir es können? Es wird einen Bedarf an Lebensmitteln geben, um massenhaftes Verhungern zu verhindern, an Kleidung und Medikamenten. Es wird das Bedürfnis geben, ferne und unbekannte Freunde willkommen zu heißen und aufzunehmen, Liebe und Verständnis zu zeigen - wie das Rote Kreuz, der Rote Halbmond, Amnesty International und die Rettungsoperationen es tun. ...

Laßt uns unsere Helden ehren: die Polizisten, die Feuerwehrleute und die Rettungsmannschaften, die ihr Leben geopfert haben im Hauptstoß der Katastrophe.

Genau hier und jetzt leben wir die Kernfrage des menschlichen Dramas. Die Frage ist: was sind unsere Werte? Und sind wir bereit, sie hochzuhalten? Anstatt uns über das Damoklesschwert zu grämen, das über unseren Köpfen schwebt, oder vor ihm zu fliehen, um unser Leben zu retten, ist es nötig, daß wir uns engagieren und Hilfe anbieten, um mit Autorität, aber ohne Haß, die Ordnung zu erhalten gegen ihren Mißbrauch, um das Recht zu bejahen durch unsere Solidarität im Dienste unseres hochgeschätzten Ideals von einem zivilisierten Volk und inspiriert vom göttlichen Ideal.

Trotz alledem soll unsere Bedrängnis nicht unseren Glauben an eine bessere Welt überschatten und unsere Freude daran verdunkeln, daß wir zu ihr unseren Beitrag leisten, jeder in seiner Weise.

Rev. Martin Luther King:
Wir müssen das Gelübde ablegen, zusammen zu marschieren. ... Wir können nicht mehr zurück. ... Nein, nein! Wir werden uns nicht zufrieden geben, bis Gerechtigkeit niederfließt wie Wasser und Rechtschaffenheit wie ein mächtiger Strom.

[Übersetzung von Kaivan]